Bürgerschaftliches Engagement braucht bessere Rahmenbedingungen

Nachricht, veröffentlicht von Doreen Handke am 25.03.2011

Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, kann freiwilliges Engagement helfen, die Probleme demografisch angeschlagener Regionen zu mildern

Ob Lesepaten, Migrationslotsen oder Altenbegleiter, das Thema freiwilliges Engagement hat Konjunktur: Überall, wo der Staat Probleme nicht lösen und Erwartungen nicht mehr erfüllen kann, sollen die Bürger selbst einspringen – kreativ, gemeinschaftsstiftend und vor allem kostengünstig.
Dabei hat der Anteil von Menschen, die sich für die Gesellschaft engagieren, bislang
nicht zugenommen. Der bundesweite Freiwilligensurvey zeigt, dass 2009 ein reichliches
Drittel aller Bürger freiwillig engagiert war – derselbe Anteil wie zehn Jahre zuvor.
Dennoch ist das Potenzial der Engagementwilligen enorm. In den kommenden Jahren werden immer größere Jahrgänge von immer besser ausgebildeten Menschen in Rente gehen. Viele von ihnen werden gesund, aktiv und vergleichsweise wohlhabend älter. Der berufliche Hintergrund und die Lebensstile der künftigen Pensionäre werden weit vielfältiger sein als jene der heutigen Rentnergeneration. Dies verändert auch die Formen ihres Engagements – weg von festen, fast unternehmensgleichen Strukturen in Vereinen und Verbänden hin zu projektbezogenem, individuellem Engagement. Den älter werdenden Babyboomern ein Umfeld zu bieten, in denen sich ihr Engagement entfalten kann und ihnen Angebote zu machen, die auch lokale Probleme angehen, bildet eine der großen Herausforderungen der nächsten Jahre.
In der vom Generali Zukunftsfonds geförderten Studie „Die demografische Lage der Nation – Was freiwilliges Engagement für die Regionen leistet“ hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung die Rolle von freiwilligem Engagement in sechs deutschen Landkreisen und Städten untersucht, die vom demografischen Wandel besonders betroffen sind.
Wie sich zeigt, braucht bürgerschaftliches Engagement dort bessere Rahmenbedingungen. Die engagierten „Macher“ sind gerade in Regionen rar, in denen die Not am größten ist und aus denen seit Jahren qualifizierte Menschen abwandern. Engagierte, Vereine und Initiativen, die sich für die Gemeinschaft einsetzen, aber eine gewisse öffentliche Unterstützung benötigen, hängen wegen der kommunalen Finanznot am Tropf häufig wechselnder und stets befristeter staatlicher Förderprogramme. Kommunalverwaltungen und Wohlfahrtsverbände sehen engagierte Bürger mitunter als Konkurrenten um Einfluss und Arbeitsplätze. Privaten Stiftungen wiederum sind die Projekte in Problemregionen, wie dem von Bevölkerungsrückgang getroffenen ländlichen Raum, oft zu wenig spektakulär, um sich dort massiv zu engagieren.
Engagement in ländlichen Regionen ist deshalb auf eine kontinuierliche Förderung unspektakulärer, aber hilfreicher Projekte angewiesen. Ein Vorschlag des Berlin-Instituts ist deshalb die Errichtung einer „Stiftung Ländlicher Raum“, die es engagierten Bürgern dauerhaft und mit geringen Hürden ermöglicht, ihre Ideen und Projekte umzusetzen. Zugleich braucht der gemeinnützige Sektor eine Transparenzoffensive: Einnahmen und Ausgaben dieser steuerbegünstigten Organisationen müssen klar offen gelegt werden. Das stellt sicher, dass Engagierte nicht als billige Arbeitskräfte missbraucht werden und damit das Ansehen von freiwilligem Engagement schwindet.
Die Generation 65plus wird noch zu oft als Bevölkerungsgruppe gesehen, die es zu betreuen und zu unterhalten gilt. Dabei ist es ihr Engagement, von dem die Lebensqualität oder gar die Zukunftsfähigkeit so mancher Kleinstadt und vieler Dörfer abhängen wird. Diese Personen sollten bereits in der Vorruhestandsphase umworben werden, um ihnen die Möglichkeit und Notwendigkeit ihres Engagements für die Gemeinschaft deutlich zu machen. Engagement nützt ihnen und der Kommune.

Quelle: Pressemitteilung, www.berlin-institut.org